«Das Beste kommt noch»

Was tun wir, wenn unser Erwerbsleben vorbei ist – wie finden wir Sinn in diesem neuen Lebensabschnitt? Was kann uns motivieren, was begeistern und erfüllen? Im Kurs «Das Beste kommt noch» formuliert die Laufbahnberaterin Ursula Popp gemeinsam mit Ihnen Antworten darauf, wie Sie Weisheit und Güte finden. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Ursula Popp, warum haben so viele Menschen Mühe mit der Pensionierung?

Die Pensionierung ist eine einschneidende Veränderung im Leben aller berufstätigen Menschen. Damit ist nichts mehr gleich wie vorher. Die oft seit Jahren ausgeübten Tätigkeiten, mit der wir uns sehr identifizieren, fallen plötzlich weg. Damit verbunden auch die vielen täglichen Begegnungen, die nicht mehr sind. Der stärkste Schnitt ist aber der Tagesablauf, die vielen kleinen Routinen, die vom einen auf den anderen Tag wegfallen. Mit anderen Worten: Das ganze Leben muss neu gestaltet werden. Das ist anspruchsvoll und braucht Zeit. Natürlich besteht nun plötzlich die Möglichkeit, mehr Sport zu treiben, zu reisen, sich Zeit zu lassen für Dinge, die vorher liegen geblieben sind. Was aber ergibt Sinn? Wie gestalte ich ein «gutes» Leben, nicht nur für mich? Wo ist mein Platz? Was ist mir wichtig, wo möchte ich mich einsetzten? Das sind Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind – vor allem in unserer jugendverliebten Zeit, in der die älteren Menschen oft wenig geschätzt oder gefragt sind.

An wen richtet sich Ihr Kurs «Das Beste kommt noch»?

Dieser Kurs richtet sich an Frauen und Männer, die sich vertieft auseinander setzten wollen, wie sie die vor ihnen liegende Zeit klug gestalten wollen. Es geht um die vielen Jahre, wo Frau und Mann nicht einfach zum alten Eisen gelegt werden wollen. Die Kursteilnehmerinnen und Teilnehmer sollen nun vielmehr die Früchte der reichen Lebenserfahrung vertiefen und verfügbar machen.

Wie tun sie dies?

Wir stellen die folgenden Fragen ins Zentrum des Kurses: Was braucht es, damit man nicht nur älter wird, sondern weiser, gelassener und friedlicher? Wir fragen uns gemeinsam: Wie finde ich zu einem ganzheitlichen Bild des eigenen Lebens, einer Wertschätzung des Gelungenen, aber auch der Enttäuschungen. Aus dieser Wahrnehmung entsteht dann die Energie zur Neugestaltung.

Was ist das Ziel dieses Kurses, was «lernen» die Teilnehmenden?

Ausgezeichnete Referenten und Referentinnen liefern den theoretischen Hintergrund zu den verschiedenen, relevanten Themen des Alterns. Dieses Grundlagenwissen ermöglicht den Teilnehmenden, im Austausch, in Übungen und in Ritualen persönlich zu verstehen und zu vertiefen. So entsteht ein Feld des Wissens, indem es möglich wird, anstehende Entscheide anzugehen. Entscheide so zu gestalten, dass sie individuell stimmig sind. Daraus wird Kraft und Lebensfreude für die Gestaltung des künftigen Lebens freigesetzt. Der reiche Austausch unter den Teilnehmenden ist dabei entscheidend und zeigt sich als ausserordentlich hilfreich im Finden des individuellen Weges. Die Verbundenheit, die Anteilnahme an und von andern inspiriert und motiviert. Allianzen können entstehen. Gleichzeitig steht der persönliche, individuelle Prozess im Vordergrund, dort findet die Sinnfindung statt.

Sie selbst haben vor einigen Jahren, im Pensionsalter, neu angefangen. Wie war dies möglich – und vor allem: Was hat Ihnen dieser Schritt gegeben?

Ich habe 20 Jahre in Amerika gelebt und durfte dort die Spiritualität der indigenen Bevölkerung vertieft kennenlernen. Die Aufgabe der «Elders» wird dort so verstanden, dass diese sich weniger um sich und die eigenen Familien kümmern, sondern den Blick weiten auf das Wohl der Welt und künftigen Generationen. Die wahren «Elders» lassen ihr Tun und Denken davon leiten. Diese Sicht kenne ich beispielsweise auch aus Indien – und ich empfinde sie als sehr sinnvoll und sinnstiftend. Denn es kann nicht sein, dass wir älteren Menschen uns über 20, 30 Jahre nur noch um uns selbst drehen. So unsere Lebenserfahrung und unsere Weisheit brach liegt und verrottet. Wir haben noch so viel Kraft und noch so viel Zeit, wenn wir die Erwerbstätigkeit hinter uns lassen. Wir wollen uns weiterhin sinnvoll einbringen.

Gerade in der Schweiz haben die meisten von uns die finanzielle Sicherheit, um sich mit relativer Freiheit Dingen zu widmen, die uns lieb sind und für die Welt gut sind. Mir ist klar und es schmerzt mich zutiefst, in welch prekären Zustand unsere Welt ist: ökologisch, gesellschaftlich und ökonomisch. Ich bin überzeugt, dass wir älteren Menschen einen entscheidenden Beitrag zu einer intakten Erde für die künftigen Generationen leisten können und müssen. Mit dieser Überzeugung, mit diesem Feuer in mir, bin ich vor fünf Jahren aus Amerika zurückgekommen. Hier habe ich Organisationen gefunden, die meine Idee unterstützen wollen.

Und siehe da: ältere Menschen haben eine Sehnsucht nach einem sinnvollen Leben. Ich bin tief dankbar, dass ich Menschen begegnen darf, die sich mit mir dem Wohle der Welt zuwenden. Das heisst nicht, dass wir uns einem wilden Aktivismus verschreiben, sondern dass sich die innere Haltung ändert, der Blick. Das ist entscheidend.