Kurze Stücke

Szenisches Schreiben  –
Lehrgang «Literarisches Schreiben»

Schreiben ist eine Kunst, aber auch ein Handwerk. Der Lehrgang «Literarisches Schreiben» setzt auf eine schriftstellerische Ausbildung, die beides berücksichtigt. In vier sorgfältig aufgebauten Modulen werden verschiedene literarische Formen und Genres erprobt. Eines der Module widmet sich ganz dem Szenischen Schreiben. Einen Einblick geben eine Auswahl der kurzen Stücke, die während vier Samstagen im aktuellen Lehrgang unter der Leitung von Viola Rohner entstanden sind.

In einem längeren Prozess ging es darum, drei eigene Figuren zu finden, sie zu vertiefen und sie in einer möglichst konfliktreiche Grundsituation agieren zu lassen. Entstanden sind 14 aufrührende kurze Stücke. Am 28. März wären sie von jungen Schauspielstudierenden der ZHdK in einer szenischen Lesung präsentiert worden. Wegen Corona musste der Anlass verschoben werden. Einige der Stücke sind aber nun hier zu lesen.

DAS VIERTE GEDECK

von Dieter Biegger

Ella lädt ihre beiden einstigen Geliebten Alec und Jean Paul zum Essen ein. Ihre Ménage à trois liegt zwanzig Jahre zurück. Die Vorwürfe, die Ella an diesem Abend erhebt, treffen die beiden Männer schwer und rücken die Vergangenheit in ein neues Licht.

Szene I

Im Keller

Ella dreht im Keller das Licht an, um den Wein für den Besuch von Alec und Jean Paul zu holen.

ELLA
Da seid ihr.
Burgunder, Italiener, Spanier.
Ach wenn’s nur so einfach wär, sie aufgereiht im Keller lägen und auf mich warteten. Vielleicht sollt ich mir jeden Abend einen holen.

Aber so einfach ist das nicht. Hab’s bei meiner Mutter gesehen. Jeden Abend einen Südtiroler, bis sie sie abgeholt haben. Dann – also dann hat sie’s nicht mehr lange gemacht. Gott hab sie selig.

Geht ans Weingestell

Welcher soll es sein? Der oder der? Der dunkle mit dem vollen Körper, der mich schwindlig macht? Oder etwa der? Der einfache, sortenreine aus gutem Haus, bei dem du nie weisst, woran du bist? Was, wenn ich die falsche Entscheidung treff?

Da liegen sie, verstaubt und warten auf den grossen Augenblick, endlich entkorkt, endlich befreit zu werden, endlich die Wahrheit zu offenbaren.
Also, ein Bordeaux muss es schon sein.

Die Menage à trois aus Merlot, Cabernet und Syrah ruht gefangen in der Flasche. Eine Menage, wie auch wir sie damals eingegangen waren, die uns gefangen hält, Jean Paul, Alec und mich.
Ich muss den Korken ziehen, ich muss die Wahrheit wissen.

Mir ist ganz schwindlig. Heut wird’s aussortiert. Alles lastet immer auf mir.
Beide haben zugesagt. Kommen heut zu mir.
Ich hab eingedeckt für den Abend, hab mich gründlich vorbereitet, lange darüber nachgedacht. Hab mich rausgeputzt, das Kleid mit den roten Punkten, die neuen Schuhe.

Aber?
Was wenn….?
Was wenn….?

Sie nimmt zwei Flaschen aus dem Gestell, eine fällt ihr zu Boden

Verdammt! Man sagt, Scherben bringen Glück. Ich kann es nicht fassen.

Wischt die Scherben zusammen

Stimmen. Ich höre Stimmen. Sie sind da.

(…)

Möchten Sie das ganze Stück lesen?

Dieter Biegger

Wuchs in der Ostschweiz auf und lebt heute in Zürich. Er war Herausgeber eines Mitarbeitermagazins einer Schweizer Grossbank. Bisher verfasste er Kurzgeschichten, ein Bühnenstück und einen ersten (unveröffentlichten) Roman. Im Lehrgang ‚Literarisches Schreiben’ findet er den kollegialen Austausch und die Inspiration für neue Schreibprojekte.

 

Viola Rohner

Viola Rohner

(*1962) studierte Germanistik und Geschichte. Sie ist Leiterin des Lehrgangs «Literarisches Schreiben» an der Volkshochschule Zürich und arbeitet als Gymnasiallehrerin an der Kantonsschule Baden. Sie schreibt Prosa und Theaterstücke für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Zuletzt erschienen: 42 Grad, Erzählungen, Lenos Verlag Basel 2018. www.violarohner.ch