Imaginäre Reise nach St. Petersburg, Tag 2

Ein Beitrag von Thomas Meyer

Den Frühling in St. Petersburg kann man derzeit leider nicht erleben. Thomas Meyer nimmt Sie deshalb mit auf einen musikalischen Rundgang durch die Stadt.


Sonntag, 19.4.2020

Die Glocken des Mariinski-Theaters

Mariinsky Theatre, St. Petersburg, Photographer: Yair Haklai, taken Aug, 2007

Mit dem Mariinski-Theater, entworfen vom Architekten Alberto Cavos, erhielten Oper und Ballett vom St. Petersburg ab 1860 neuen Auftrieb. Zweitausend Zuschauer fanden darin Platz; die Bühne galt damals als die breiteste der Welt. Das traditionsreiche Haus, das in Sowjetzeiten den Namen des bei einem Attentat getöteten Parteifunktionärs Sergej Kirow trug, hat seit den 1990er Jahren unter Leitung von Valery Gergiew wieder alten Glanz erreicht.

Der Eröffnung 1860 mit Glinkas «Ein Leben für den Zaren» folgten zahlreiche Uraufführungen. Alexander Borodins «Fürst Igor» wurde dort erstmals gezeigt, die Ballette «Dornröschen» und «Der Nussknacker» von Tschaikowski sowie dessen Oper «Pique Dame».

Das wichtigste Ereignis jedoch war die Uraufführung von Modest Mussorgskis Oper «Boris Godunow» am 8. Februar 1874. Es geht darin um den Bojaren Boris Godunow, der durch Mord auf den Zarenthron gelangt, darüber wahnsinnig wird und stirbt. Es ist eine Paraderolle für alle Bassisten.

Illustration von 1874: Der Tod des Zaren Boris bei der Premiere von Boris Godunow


Modest Mussorgski kurz vor seinem Tod, Gemälde von Ilja Repin 1881

Niemand stirbt schöner als Boris Christoff

Mussorgski selber hatte das Libretto nach historischen Quellen und dem Theaterstück von Alexander Puschkin zusammengestellt. Es ging ihm dabei nicht nur um das Schicksal des Boris, sondern auch um das unterdrückte Volk: «Nicht nur Bekanntschaft zu machen mit dem Volk, sondern mich mit ihm zu verbrüdern, danach dürste ich. Schrecklich, aber schön.» Und so wird das Volk, der Chor, zu einem wichtigen Bestandteil der Oper.

Eindrücklich ist etwa die Krönungsszene

Das gewaltige Läuten der Glocken schwingt dabei über den Häuptern. Glocken – das Mariinski-Theater besitzt davon eine stattliche Zahl und hat den Bestand jüngst auch erweitert  – gehören ohnehin zum Urklang Russlands. Sergej Rachmaninow etwa hatte von klein auf die Glocken der Sophienkathedrale von Nowgorod im Ohr und nahm ihren Klang als tiefste musikalische Erinnerung ins Exil mit.

Performance in der Grassmayer-Giesserei mit den Orchester-Glocken des Mariinsky-Theater

Im vorgehenden Beitrag besuchten wir die Eremitage. Weiter geht es zu den Glocken des Tichwiner Friedhof.

 

Thomas Meyer bei VHS

Thomas Meyer

Der Musikwissenschaftler und -Journalist ist ein grosser Kenner der europäischen Musikgeschichte. Besuchen Sie die Kursliste auf der VHS-Webseite.

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