Imaginäre Reise nach St. Petersburg, Tag 3

Ein Beitrag von Thomas Meyer

Den Frühling in St. Petersburg kann man derzeit leider nicht erleben. Thomas Meyer nimmt Sie deshalb mit auf einen musikalischen Rundgang durch die Stadt.


Rund um das Alexander Newski-Kloster im Osten der Stadt befinden sind mehrere berühmte Friedhöfe, darunter der Tichwiner Friedhof, der auch als «Nekropole der Künstler» berühmt geworden ist. Mehrere Schriftsteller (Dostojewski), Bildhauer, Sänger und vor allem Komponisten liegen dort begraben, so Michail Glinka, Nikolaj Rimski-Korsakow, Modest Mussorgski und Pjotr Tschaikowski.

Das Schicksal der beiden letzten war tragisch. Mussorgski, Beamter und als Komponist der genialste Dilettant, den man sich denken kann, führte ein unstetes Leben. Finanziell ruiniert und dem Alkohol verfallen, brachte man ihn im Februar 1881 ins Nikolajewski-Krankenhaus, wo er nach zeitweiliger Genesung am 28. März starb. Ein Wärter habe ihm noch eine letzte Flasche gebracht.

Modest Petrowitsch Mussorgski (1839 – 1881)

Mussorgski gehörte mit Rimski-Korsakow einer Gruppe junger russischer Komponisten an, dem «Mächtigen Häuflein», das westliche Einflüsse ablehnte und die russischen Wurzeln betonte. Dabei geriet auch Pjotr Tschaikowski ins Visier ihrer Kritik, der sich an europäische Formstandards anlehnte. Ob seine Musik deshalb weniger russisch ist, mag mit Recht bezweifelt werden. Gewiss ist sie weniger innovativ und klangsinnlich, aber für viele ZuhörerInnen wurde sie dennoch mit ihrer dunklen Leidenschaft zum Inbegriff russischer Musik.

Pjotr Tschaikowski (1840 – 1893)


Grossfürst Konstantin Konstantinowitsch Romanow (1858 – 1915)

Gerade seine sechste und letzte Sinfonie, die «Pathétique», ist ein Beispiel des russischen Fatalismus. Bei der Generalprobe zur Uraufführung waren die anwesenden Freunde tief betroffen. Grossfürst Konstantin Konstantinowitsch Romanow rief aus:

Was haben Sie nur getan?! Das ist doch ein Requiem, ein richtiges Requiem!

Grossfürst Konstantin Konstantinowitsch Romanow

Er hatte nämlich Tschaikowski vorgeschlagen, ein Requiem-Gedicht von Alexej Apuchtin, einem Lyriker und gemeinsamen Freund, zu vertonen, worauf der Komponist erwiderte:

Mich verwirrt der Umstand, dass meine letzte Sinfonie, die ich gerade eben geschrieben habe […], von einer Stimmung durchdrungen ist, die der, von der das Requiem erfüllt ist, nahe verwandt ist.

Pjotr Tschaikowski

Vor allem der letzte Satz ist davon durchdrungen. Das Werk endet leise, morendo.

 

Thomas Meyer bei VHS

Thomas Meyer

Der Musikwissenschaftler und -Journalist ist ein grosser Kenner der europäischen Musikgeschichte. Besuchen Sie die Kursliste auf der VHS-Webseite.

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