Imaginäre Reise nach St. Petersburg, Tag 4

Ein Beitrag von Thomas Meyer

Den Frühling in St. Petersburg kann man derzeit leider nicht erleben. Thomas Meyer nimmt Sie deshalb mit auf einen musikalischen Rundgang durch die Stadt.


Dienstag, 21.4.2020

Skandal in Pawlowsk!

Seit 1837 verband eine Eisenbahnlinie St. Petersburg mit der Sommerresidenz im südlich gelegenen Pawlowsk. Die Adligen und Reichen genossen dort die Sommerfrische, selbstverständlich reisten die Künstler mit. Im Bahnhofsgebäude wurde auch ein Kur- und Konzertsaal eingerichtet, den man nach den Londoner Vauxhall Gardens auch als «Woksal» bezeichnete. Der berühmte Bassist Fjodor Schaljapin trat dort auf, Robert Schumann, Franz Liszt und Johann Strauss Sohn dirigierten.


So sah die «Woksal» damals aus:


«Von solcher Musik wird man irrsinnig!»

Am 5. September 1913 gab’s in eben jedem Musikbahnhof einen Skandal, den dritten in jenem denkwürdigen Jahr, nachdem es zuvor schon in Wien und Paris (beim «Watschenkonzert» sowie bei Strawinskys «Sacre du Printemps») zu Publikumstumulten gekommen war.

Aufs Podium tritt ein junger Mann mit dem Gesicht eines Peterschülers, Sergej Prokofiew. Er setzt sich an den Flügel und beginnt, mal die Tasten abzuwischen und mal zu probieren, welche höher und welche tiefer klingen, und das mit einem spitzen, trockenen Anschlag. Das Publikum ist befremdet. Einige sind erregt, andere stehen auf und stürzen zum Ausgang: ‹Von solcher Musik wird man irrsinnig!› Der Saal leert sich. Mit einem erbarmungslos dissonierenden Akkord der Blechbläser bricht das Klavierkonzert ab. Im Publikum entsteht ein regelrechter Skandal. Die Mehrzahl zischt. Prokofiew verbeugt sich herausfordernd und spielt noch einmal. Von allen Seiten sind Rufe zu hören wie: ‹Zum Teufel mit dieser Futuristenmusik! Wir wollen Musik hören, die schön ist! So etwas können uns zu Hause die Katzen vormachen!› Eine Gruppe von fortschrittlichen Rezensenten dagegen: ‹Genial! Welche Jugendfrische! Was für ein Temperament und für eine Urwüchsigkeit!›

– so schreibt die «Petersburger Zeitung»

Sergej Prokofiew um 1918

Wie kam es dazu, wo doch dieses 2. Klavierkonzert mit einer schweren Melodie beginnt? War das Werk zu expressiv-dissonant? Einer der Gründe dafür mag in der exorbitant schweren und ausladenden Solokadenz des ersten Satzes liegen. (Im folgenden Mitschnitt ab ca. 5‘45; Yuja Wang spielt das toll!)

Energetisch hochaufgeladene Musik also. Mit diesem Werk wurde der gerade 22 Jahre alte Pianist und Komponist zum Enfant terrible der russischen Musik. 1918 emigrierte Prokofiew nach der Oktober-Revolution, zunächst in die USA, dann nach Paris. 1927 konzertierte er erstmals wieder in der Heimat, 1936 liess er sich – warum nur? – dazu verlocken, endgültig in die Sowjetunion zurückzukehren, wo ihn Erfolg, aber auch viel Mühsal erwarteten.
Am 5. März 1953 starb er in Moskau – wie Stalin, jener Diktator, der auch den Künstlern das Leben schwer machte, etwa Dmitri Schostakowitsch. Über ihn morgen mehr.


Die bisherigen Stationen der Reise:

Tag 1: In der Eremitage  | Tag 2: Die Glocken des Mariinski-Theaters  | Tag 3: Auf dem Tichwiner Friedhof | Tag 5: «Leningrader Sinfonie»


 

Thomas Meyer bei VHS

Thomas Meyer

Der Musikwissenschaftler und -Journalist ist ein grosser Kenner der europäischen Musikgeschichte. Besuchen Sie die Kursliste auf der VHS-Webseite.

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