Imaginäre Reise nach St. Petersburg, Tag 5

Ein Beitrag von Thomas Meyer

Den Frühling in St. Petersburg kann man derzeit leider nicht erleben. Thomas Meyer nimmt Sie deshalb mit auf einen musikalischen Rundgang durch die Stadt.


Mittwoch, 22.4.2020

Belagerungszustand. Eine Leningrader Sinfonie

Am 28. Januar 1936 gingen wir in Archangelsk auf den Bahnhof, um die neueste «Prawda» zu kaufen. Ich durchblättere sie und finde auf der dritten Seite den Artikel «Chaos statt Musik». Diesen Tag werde ich nie vergessen. Er ist vielleicht der denkwürdigste in meinem ganzen Leben.

Besagter Artikel betraf die Oper «Lady Macbeth von Mzensk»:

…das veränderte ein für allemal meine ganze Existenz. Er trug keine Unterschrift, war also als redaktionseigener Artikel gedruckt. Das heisst, er verkündete die Meinung der Partei. In Wirklichkeit die Stalins, und das wog bedeutend mehr.
– Dmitri Schostakowitsch

Der junge Dimitri Schostakowitsch

So erzählte Dmitri Schostakowitsch später. Vorbei war die Unbeschwertheit des jungen Komponisten, der gern schräge, freche, ja bitterbös parodistische Akzente setzte. Die Doktrin des sozialistischen Realismus brach über die Kunst herein und damit Jahre der Angst und Verstellung. Lange fürchtete der Komponist sogar um sein Leben, wie es Julian Barnes eindringlich in seinem Roman «Der Lärm der Zeit» schildert.


Die Sinfonie No.7

Es blieb nicht das einzige Mal, dass Schostakowitsch ins Schussfeld der Politik geriet, und doch wurde er ein paar Jahre nach dem «Prawda»-Verriss zum Helden, als die deutschen Truppen Leningrad einschlossen und belagerten – vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944! Über eine Million Menschen sollen dabei umgekommen sein.
Schostakowitsch blieb zunächst in der Stadt: «Der sowjetische Künstler wird niemals beiseite stehen in jener historischen Konfrontation, die zwischen Vernunft und Obskurantismus, zwischen Kultur und Barbarei, zwischen Licht und Dunkelheit stattfindet.»

Er engagierte sich als Feuerwehrmann und schrieb unter Beschuss an seiner neuen Sinfonie, der Siebenten, die er «unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem sicheren Sieg über den Feind, meiner Heimatstadt Leningrad» widmete.
Nachdem er die Stadt mit seiner Familie verlassen hatte, vollendete er das Werk, das im März 1942, wieder unter Gefahr, erstmals in Moskau aufgeführt wurde und von dort als Zeichen des Widerstands um die Welt ging.

Schostakowitsch auf dem Cover des TIME Magazine, 1942.

Der Feuerwehrmann Schostakowitsch brachte es sogar auf die Titelseite des Time Magazine.
Das Stück ist vor allem durch einen Marsch berühmt geworden, der sich wie Ravels «Bolero» steigert und der die anrückenden deutschen Truppen darstellen soll.

Die Belagerung von Leningad, Teil des Dioramas im «Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges», Moskau

«Leningrader Sinfonie», dirigiert von Mariss Jansons

(ab ca. 6‘)

Freilich wäre es falsch, in dieser «Leningrader Sinfonie» bloss eine Musik des Kriegs und des Triumphs entdecken zu wollen. Der Heroismus gerade des letzten Satzes ist von Elementen der Trauer durchdrungen und wird von grotesken Momenten karikiert. Das russische Volk leidet, nicht nur unter der deutschen Invasion, sondern auch unter Stalins Tyrannei.

Und hier die Oper «Lady Macbeth von Mzensk»


Die Stationen der Reise:

Tag 1: In der Eremitage  | Tag 2: Die Glocken des Mariinski-Theaters  | Tag 3: Auf dem Tichwiner Friedhof | Tag 4: Skandal in Pawlowsk!

 

Thomas Meyer bei VHS

Thomas Meyer

Der Musikwissenschaftler und -Journalist ist ein grosser Kenner der europäischen Musikgeschichte. Besuchen Sie die Kursliste auf der VHS-Webseite.

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