Imaginäre Reise nach St. Petersburg, Tag 1

Ein Beitrag von Thomas Meyer

Den Frühling in St. Petersburg kann man derzeit leider nicht erleben. Thomas Meyer nimmt Sie deshalb mit auf einen musikalischen Rundgang durch die Stadt.


Samstag, 18.4.2020

In der Eremitage

Die Neue Eremitage, 1851. Lithographie nach einer Zeichnung von Charlemagne

In der Eremitage, die heute vor allem als Museum dient, zogen sich die Zaren jeweils vom politischen Leben zurück. Katharina II – sie regierte von 1762 bis 1796 – stellte hier erstmals Bilder aus. Im Gebäudekomplex, der ein Theater umfasste, wurden auch Konzerte und Opernabende veranstaltet. Die Musiker dafür liess der russische Adel meistens aus Italien kommen, sie genossen nicht nur die prunkvollen Räumlichkeiten und die kaiserliche Wertschätzung, sondern erhielten auch ein Honorar, von dem sie in ihrer Heimat nur träumen konnten. Dennoch hielt es die wenigsten allzu lange dort, so zum Beispiel Giovanni Paisiello (1740-1816), der unter dem Vorwand, seine Frau vertrage das Klima nicht, nach acht Jahren Urlaub nahm und nicht mehr zurückkehrte – zum Ärger der Kaiserin.

Paisiello, ein grossartiger Opernkomponist, schuf für das Eremitage-Theater mehrere Opern, die allerdings auf Wunsch Katharinas nur zwei Stunden dauern durften. Aber er würzte diese Kürze auf treffliche Weise. So schuf er sogar einen „Barbier von Sevilla“, der durchaus neben dem berühmteren von Rossini bestehen kann.

(Zum Beispiel die beiden Aktschlüsse mit einer Arie der Rosina ab ca. 1h06‘, und das Ensemble ab 2h3‘)

Stark italienisch geprägt waren deshalb auch die ersten russischen Komponisten jener Epoche: Yevstigney Fomin (1761-1800), der zahlreiche Opern in russischer Sprache komponierte, studierte ab 1782 in Bologna, ebenso wie zuvor Dmitri Bortnjanski (1751-1825), dessen „Geistliche Konzerte“ die Kirchenmusik Russlands erneuerten. Das waren wichtige Ansätze. Von einer eigentlichen russischen Schule kann man allerdings noch nicht sprechen.

Michail Glinka beim Komponieren von «Rusland und Ljudmila». Gemälde von Ilja Repin (1844-1930), 1887

Diese entstand erst mit Michail Glinka (1804-1857), der Italien und Deutschland bereiste. Er kehrte mit dem Willen zurück, etwas Eigenes zu schaffen: „Alle Stücke, die ich den Mailändern zu Gefallen geschrieben hatte […], überzeugten mich nur davon, dass ich einen mir fremden Weg eingeschlagen hatte und, aufrichtig gestanden, kein Italiener sein konnte. Das Heimweh veranlasste mich allmählich, mich russisch auszudrücken.“ Aus der Sprache und der Volksmusik Russlands schöpfte er seine Inspiration. Durch seine Opern „Ein Leben für den Zaren“ (1836) und „Ruslan und Ljudmila“ (1842) wurde er zum „Vater der russischen Musik“.

Mit „Ein Leben für den Zaren“, uraufgeführt noch im alten Petersburger Bolschoi-Theater, wurde 1860 das Mariinski-Theater eröffnet, das wir nächstens besuchen.