Lehrgang «Literarisches Schreiben» 

Schreiben ist eine Kunst, aber auch ein Handwerk. Der Lehrgang «Literarisches Schreiben» setzt auf eine schriftstellerische Ausbildung, die beides berücksichtigt. In vier sorgfältig aufgebauten Modulen werden verschiedene literarische Formen und Genres erprobt.

Im Interview mit der Lehrgangsleiterin Viola Rohner gibt die Autorin Ariela Sarbacher Auskunft über die Entstehung und die Arbeit an ihren ersten Roman «Der Sommer im Garten meiner Mutter» (Bilger Verlag 2020) , der in diesem Jahr für die Shortlist des renommierten Rauriser Literaturpreises nominiert wurde. Es ist eine berührende Mutter-Tochter-Geschichte, geprägt vom Ringen um Nähe und Distanz – bis hin zum selbstgewählten Tod der schwer erkrankten Mutter.

Das Ringen um Nähe und Distanz

Ein Interview mit Ariela Sarbacher, Absolventin des Lehrgangs «Literarisches Schreiben» 2017/18

Viola Rohner: Wie ist dein Roman entstanden? Was war der Kern, der Ausgangspunkt deiner Arbeit?

Ariela Sarbacher: Meine Mutter entschied sich, zu einem selbstgewählten Zeitpunkt, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ich fing sofort an, darüber zu schreiben. Vermutlich war es damals der Versuch, das, was mir gerade passierte, was mich fassungslos machte, schreibend zu begreifen. Die blosse Tätigkeit, mit einem Stift in der Hand meine Worte auf ein Blatt Papier zu bringen, gab mir ein wenig Sicherheit zurück; es zeigte mir, dass es noch etwas gab, das mir vertraut war, woran ich mich halten konnte. Ich schrieb nur für mich.

Ein halbes Jahr später wollte ich all das, was ich bisher erlebt und woran ich geglaubt hatte, nicht verlieren. Deswegen war der Titel vielleicht die erste Eingebung, die zu meinem Roman führen sollte. Er umschloss alles, worum es geht. Es sollte die literarische Umsetzung einer persönlichen Erfahrung werden.

Lange Zeit hätte ich mir auch vorstellen können, einen Monolog für das Theater zu schreiben. Oder einfach einen Text mit Titel und meinem Namen. Zu keinem Zeitpunkt dachte ich, ich schreibe jetzt einen Roman. Das hätte ich mir nicht vornehmen können. Für den Schreibprozess war es mir wichtig, das Format so lange wie möglich offen zu halten. Ich folgte meinem dringenden Bedürfnis zu schreiben – mit ungewissem Ausgang. Nach zwei Jahren las ich zum ersten Mal öffentlich aus meinem Manuskript. Ich trat mit einer Sängerin auf, die auf meinen Wunsch zu diesem Anlass einige Gedichte von Emily Dickinson über den Tod vertont hatte. Danach dauerte es nochmals zwei Jahre, bis ich meinen Text als abgeschlossen betrachten konnte.

Viola Rohner: Grössere Teile des Romans sind bereits vor dem Besuch des Lehrgangs «Literarisches Schreiben» entstanden. Inwiefern hat der Besuch des Lehrgangs die Weiterarbeit am Projekt beeinflusst? Hat sich der Text dadurch noch einmal massgeblich verändert?

Ariela Sarbacher: Mir war gar nicht bewusst, wieviel Material ich vor der Ausbildung «Literarisches Schreiben» schon gesammelt hatte. Heute weiss ich, die Stimme des Mädchens fehlte noch, aus dessen Perspektive die Geschichte beginnt. Die Perspektive des Mädchens war wichtig, um die bestehenden Fragmente miteinander zu verbinden und mir viel zusätzliches Material einzugeben.

Zu Beginn des Lehrgangs widerstrebte es mir, mein Buchprojekt zur Seite zu legen, um anderen Aufgaben nachzugehen. Ich dachte, was hat Experimentelles Schreiben, als Beispiel, mit meinem Thema zu tun? Interessant ist, dass genau in dieser Phase das Gedicht entstand, dass am Anfang des Buches steht; während einer Hausaufgabe, die Barbara Geiser uns aufgegeben hatte und ich begriff noch nicht, dass ich an meinem Buch weiterarbeitete und die vielseitige Ausbildung dafür nutzte. Im Lehrgang hatte ich Gelegenheit sehr viele Facetten des Schreibens kennenzulernen, aus der Stimmenvielfalt der Gruppe lernte ich meine eigene herauszuhören, die Reibung mit den Texten und Ansichten der anderen, auch die Auseinandersetzung mit den Dozierenden, hat mir geholfen, meine Stimme zu finden und ihr zu vertrauen. Ruth Schweikert sprach über den Schreibort. Sie sagte, ihr müsst nicht immer schreiben, wenn ihr an eurem Ort dafür seid, wichtig ist, dass ihr die Zeit dort ungestört mit eurem Text zubringt. Ich zog mich in meinen Raum zurück, brütete, sass viele Stunden einfach da und wusste nicht weiter. Ich stattete den Raum mit Fotomaterial aus, das zu meiner Geschichte passte, tapezierte die Wände mit Stichworten, legte alles schon bestehende Material auf dem Boden aus, um es zu lüften und wieder durchzulesen, probierte vieles aus, kam in die Nähe der Erzählstimme … und dachte, da wird nie was draus! Heute weiss ich, dass diese vielen Stunden, in denen scheinbar nichts Grosses passierte, sehr wichtig waren. Sie dienten meiner inneren Vorbereitung. Als sich mir dann die Möglichkeit bot, unter der Leitung von Ruth, in der Kleingruppe, meinen Text zum Abschluss zu bringen, konnte ich ein dreiviertel Jahr ungestört schreiben und dranbleiben. Alles bisher Geschriebene darin einfliessen lassen. In dieser Zeit fand ich dann auch zum Ton und zur endgültigen Fassung der Geschichte. Plötzlich war die zentrale Frage da: «Mamma, was passiert, wenn man tot ist?» und mit ihr das kleine Mädchen, die Tonalität und die Möglichkeit in den Zeiten und verschiedenen Altern zu springen. In dieser Zeit habe ich gelernt, wie wichtig die Rahmenbedingungen sind. Sie unterstützen den Prozess. Im Moment schreibe ich mein drittes Buch und es hilft mir, wenn ich manchmal die Notizen hervorhole und nachlese, was wir damals in der Ausbildung miteinander besprochen haben. Soeben habe ich ein Stipendium der Stadt Zürich für meinen neuen Roman bekommen und für diesen Rahmen bin ich wieder sehr dankbar.

Viola Rohner: Dein Buch trägt die Bezeichnung «Roman». Er ist also klar in der Fiktion angesiedelt, trotzdem wird deutlich, dass du entlang deiner eigenen Erfahrungen schreibst. Was interessiert dich am Zwischenbereich des autofiktionalen Schreibens?

Ariela Sarbacher: Der Raum, den ich damit betrete, eröffnet mir spezielle Möglichkeiten: ich kann das Geschehen von einst laufen lassen und gleichzeitig jederzeit eingreifen. Ich bin in der Lage, es mit dem Bewusstsein von heute zu steuern, doch umlenken lässt es sich nicht. Das schafft ein interessantes Spannungsfeld und ist eine Gratwanderung. Ich erinnere und breite diese Erinnerung als Material vor mir aus. Aus einer lebendigen Erinnerung, die ich szenisch bearbeite, entsteht etwas Neues, das fiktiv ist. Ich reichere es mit meiner Imagination an, bin frei, dazu zu erfinden, doch immer bleibe ich auf der Suche nach dem Kern dieser Erinnerung, der mich dazu bewegt, ihn zu speichern und gleichzeitig abzulegen. Es genügt nicht, eine Erinnerung einfach aufzuschreiben. Ich muss eine Umsetzung finden, die aus einem spezifischen individuellen Erleben ein Universelles macht. Deswegen ist Der Sommer im Garten meiner Mutter keine Autobiografie. Wenn die Leserinnen und Leser Teile von sich in einer fremden Geschichte entdecken, dann ist meiner Meinung nach die Autofiktion gelungen. Interessant finde ich übrigens, dass in der Presse und auch in der Nominierung für den Rauriser Literaturpreis immer neue Varianten auftauchen, die das Buch in ein bestimmtes Genre zu bringen versuchen. Erst hat es mich gestört, mittlerweile bin ich sogar fast ein wenig stolz darauf, dass es sich nicht so einfach fassen lässt.

Mein zweites Buch, Der gebremste, der bewegte Frühling, und jetzt ist es Sommer (Telegramme Verlag, 2020), ist ein literarisches Tagebuch, in dem ich mir zum Ziel gesetzt hatte, meine Alltagsbeobachtungen, Erlebnisse und Erfahrungen, während viereinhalb Monaten fassbar zu machen und sie noch am selben Tag fertigzustellen. Das war ein immenser Kraftakt, bei dem ich sehr viel über die Praxis des Schreibens gelernt habe.

Viola Rohner: Mir fällt auf, wie genau du dich an winzige Details, die weit zurückliegen, erinnern kannst. Wie hast du diese Details (wieder)gefunden?

Ariela Sarbacher: Je stärker ich die Handlung einer Szene vorantrieb – beispielsweise die der Bahnhofstrasse – desto mehr Details fielen mir ein, die die Handlung rauszögerten und die Atmosphäre bereicherten. Die Haarnadeln der Grossmutter sind eine reale Erinnerung, nur an die Bluse der Verkäuferin hatte ich keine mehr, doch das Mädchen verlangte von mir in dieser Szene nach etwas, das es bewundern kann, also habe ich ihm die Bluse mit der Schleife gegeben …

Für andere Details bin ich an die Schauplätze zurückgekehrt oder habe Fotografien angeschaut.

Die Lektorin strich zuerst einige dieser Details, um das Tempo voranzutreiben, was mir sofort einleuchtete, und doch bestand ich darauf, sie drin zu lassen, das waren Herzensangelegenheiten, die wollte ich nicht hergeben. Mein Glück war, dass die Lektorin so erfahren ist. Sie sagte zu mir: «Niemand kennt den Text so gut wie du.»

Viola Rohner: Nähe und Distanz spielen eine grosse Rolle in deinem Buch. Immer wird von allen Personen um die richtige Nähe respektive Distanz gerungen – bis hin zum selbstgewählten Tod der Mutter.  Was interessiert dich an diesem Thema?

Ariela Sarbacher: Die Spannung zwischen einem vorgegebenen Wertesystem und dem Eigenen. Das Konfliktpotenzial zwischen zwei Kulturen, das heisst, die unterschiedlichen Vorstellungen der beiden von Nähe und Distanz.  Die Missverständnisse, die daraus entstehen, führen mich immer wieder zu der Frage: Wie kann man anderen nahe sein und sich selbst behalten?

Viola Rohner: «Der Sommer im Garten meiner Mutter» fokussiert primär auf die Beziehung von Mutter und Tochter. Trotzdem ist es auch ein Mehrgenerationenroman und insbesondere ein Mehrgenerationenfrauenroman.  Warum hast du dich entschieden, den Fokus zu weiten und auch die Beziehung zur Grossmutter und auf der andern Seite zu deinen eigenen Töchtern miteinzubeziehen?

Ariela Sarbacher: Im Laufe des Schreibens wusste ich plötzlich, dass ich diese Geschichte meinen Töchtern widmen will. Die Traumata sollten nicht wiederholt werden, sondern verarbeitet. Das geht nur, wenn das Schweigen aufhört und das Verschwiegene erzählt wird. Die Übergriffe und Grenzüberschreitungen, denen Francesca ausgesetzt ist, kommen hauptsächlich von den Frauen. Die Männer sind da, aber abwesend. Sie greifen nicht ein. Die Frauen dieser Familie sind sehr stark und präsent, auch dominant. Sie haben das Sagen und Francesca hat Mühe unter dem Eindruck dieser Stimmen ihre eigene zu hören.

Viola Rohner: Am Ende des Buches wird beschrieben, wie die Familie die Asche der Mutter ins Meer bei Chiavari streut. Es endet mit den Sätzen: «Trotz ihrer Abwesenheit fühlen wir uns nicht allein. Ihr Wunsch gleitet durch uns ins Meer hinein.» Ich finde das einer der schönsten Romanenden, die ich je gelesen habe. Magst du dazu etwas sagen?

Ariela Sarbacher: Danke. Der Satz stand ursprünglich an anderer Stelle, ein paar Sätze weiter davor. Die Lektorin machte mich darauf aufmerksam, dass das ein schöner Schluss wäre. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Viola Rohner: Magst du auch etwas dazu sagen, wie du dir erhofft hast, dass der Leser, die Leserin diese Buch nach der Lektüre zur Seite legt?

Ariela Sarbacher: Ehrlich gesagt, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich war einfach äusserst gespannt darauf!

Viola Rohner: Wie war es für dich, zum ersten Mal im Leben von einer dir unbekannten grösseren Öffentlichkeit Reaktionen auf dein Schreiben zu erhalten? Haben die Reaktionen deine Beziehung zu deinem Schreiben verändert?

Ariela Sarbacher: Es freut mich, wie viele sich selbst oder einen Teil ihrer eigenen Beziehungen in diesem Buch entdecken. Manchmal wundere ich mich, wenn andere etwas zwischen den Zeilen finden, das ich, meiner Meinung nach, so gar nicht

geschrieben habe. Daraus habe ich gelernt, dass ich es nicht in der Hand habe, wie etwas ankommt. Und inzwischen gehe

ich gelassen damit um. Die Beziehung zu meinem Schreiben haben die Reaktionen nicht verändert.

Viola Rohner: Danke für dieses Gespräch.

Ariela Sarbacher

1965 in Zürich geboren. Studium an der Schauspielakademie Zürich. Sie arbeitet als Schriftstellerin und Schauspielerin. www.einfluss.ch

 

Viola Rohner

Viola Rohner

(*1962) studierte Germanistik und Geschichte. Sie ist Leiterin des Lehrgangs «Literarisches Schreiben» an der Volkshochschule Zürich und arbeitet als Gymnasiallehrerin an der Kantonsschule Baden. Sie schreibt Prosa und Theaterstücke für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Zuletzt erschienen: 42 Grad, Erzählungen, Lenos Verlag Basel 2018. www.violarohner.ch