Lehrgang «Literarisches Schreiben» 

Schreiben ist eine Kunst, aber auch ein Handwerk. Der Lehrgang «Literarisches Schreiben» setzt auf eine schriftstellerische Ausbildung, die beides berücksichtigt. In vier sorgfältig aufgebauten Modulen werden verschiedene literarische Formen und Genres erprobt.

Das Jahr 2021 ist ein überaus erfolgreiches Jahr für Eva Roth. Ihr Kinderbuch «Lila Perk» (Verlag Jungbrunnen 2020) landet auf der Shortlist des Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreises, ihr Kinderstück «Waran Taram» wird für den Retzhofer Dramapreis für junges Publikum nominiert und zwei Theaterstücke für Erwachsene, «Streuner» und «Falls China kommt», werden am Theater an der Winkelwiese und am Sogar Theater in Zürich uraufgeführt. Eva Roth hat den Lehrgang Literarisches Schreiben 2010/11 absolviert. Im Interview mit der Lehrgangsleiterin Viola Rohner spricht sie über ihr Schreiben und über ihren Weg zum Erfolg.

Über die Leistungsgesellschaft, das Schreiben – und den entscheidenden Sinn für Komik

Ein Interview mit Eva Roth, Absolventin des Lehrgangs «Literarisches Schreiben» 2010/11

Eva Roth

(*1974) wuchs in Schwellbrunn (AR) auf und lebt mit ihrer Familie in Zürich. Sie ist ausgebildete Primarlehrerin und arbeitet als Lektorin im Atlantis Verlag. Sie ist Absolventin des Dramenprozessors und schreibt Prosa und Theaterstücke für Erwachsene und Kinder. Zuletzt erschienen: «Lila Perk», Roman für Kinder, Verlag Jungbrunnen, Wien. Sowie «Streuner», Theaterstück für Erwachsene, im Sommer 2021 uraufgeführt am Theater an der Winkelwiese Zürich.

www.evaroth.ch

Viola Rohner: Deine beiden Theaterstücke «Falls China kommt» und «Streuner», die dieses Jahr Premiere feierten, thematisieren beide auf unterschiedliche Weise unsere Leistungsgesellschaft und Menschen, die nicht bereit sind, sich stromlinienförmig anzupassen. Was interessiert dich an diesem Thema? Warum ist es für dich wichtig?

Wir alle sind Teil der Gesellschaft und ihrer Normen, aber wir verhalten uns nicht alle gleich dazu. Zum Glück! Ich schnappe die Stoffe, die mich interessieren, ganz konkret in meinem Umfeld auf, im Bus, auf der Strasse, am Arbeitsplatz. Und überall da begegnen mir auch die Anforderungen der Leistungsgesellschaft und ihre Auswirkungen auf die Menschen. Ich finde nicht alles schlecht an einer leistungsorientierten Gesellschaft. Aber ich bin der Meinung, dass ein System den Menschen dienen sollte und nicht umgekehrt. Da entlang verlaufen die beiden Stücke.

Viola Rohner: Während «Falls China kommt» die Auswirkungen des «Weltmasterplans China» bis ins Herz unserer Gesellschaft, der Kernfamilie, klar und auch schmerzlich aufzeigt, verdeutlicht «Streuner» verspielt – auch tänzerisch und musikalisch –, wie die Anforderungen und Normen unserer Leistungsgesellschaft ausser Kraft gesetzt werden können: nämlich mit dem Konzept des Streunens, als einem radikalen Gegenentwurf zu einer angepassten Lebensweise. Kannst du etwas zu diesen unterschiedlichen Zugängen sagen?

«Falls China kommt» ist für mich eine satirische und etwas plakative Zustandsbeschreibung. Ich schrieb das Stück aus einem Unbehagen gegenüber einem Leistungsdruck heraus, den ich insbesondere für Jugendliche zerstörerisch finde. Wir schreiben dieses rücksichtslose, überwachende, erfolgsfokussierte System zum Beispiel China zu, verdrängen aber, dass wir unter Umständen bereitwillig mitmachen. Es hat ja auch seine verlockenden Seiten, Lob und das Versprechen des Wohlstands zum Beispiel.

«Streuner» entwickelte ich eher an einer persönlichen Geschichte. Sie verhandelt die Frage, was auseinanderfällt, wenn Menschen sich plötzlich nicht mehr sesshaft verhalten. Wird das als wilderes, asozialeres Leben interpretiert als das häusliche? Wie lässt sich das Leben fassen, wenn die wohnlichen Wände es nicht eingrenzen? Und mit der Frage nach Sesshaftigkeit oder dem mobilen Leben stellt sich auch immer die Frage: Was macht ein Zuhause aus?

Viola Rohner: In deinen Stücken und auch im Kinderroman «Lila Perk» überrascht immer wieder dein Humor und dein Sinn für Komik.

Ich finde, Humor und Ernsthaftigkeit schliessen sich nicht aus. Im Gegenteil, das eine wird vielschichtiger im Zusammenspiel mit dem anderen. Lila, das Mädchen in meinem Kinderroman, trauert um ihre Mutter. Das ist aber nicht alles, sie beschäftigt sich ja auch mit der ersten Liebe oder mit der sich verändernden Beziehung zum Vater. Oder mit einer völlig fremden Umgebung, als sie verreisen. Ich glaube, gerade in der Verunsicherung, die Fremdes in uns auslöst, steckt viel Humor. Wir müssen uns ja immer in Beziehung setzen zu etwas Neuem, wir müssen uns damit oder darin sehen – und das enthält an sich schon ein grosses Komik-Potenzial. Das Lachen über die eigene befremdete Sicht auf eine Sache lässt eine weitere Auseinandersetzung damit zu. Auch wenn sie mit dem Lachen nicht erledigt ist.

Viola Rohner: Wie entstehen deine Texte? Und wie arbeitest du?

Meine Texte entstehen nie aus einem einzigen Schwung heraus. Das hat vielleicht mit meinem Alltag zu tun: Das Schreiben geschieht stundenweise am Abend oder am Wochenende. Ich bastle mir zu jedem Projekt ein kleines Notizheft, das ich meist dabeihabe. Darin notiere ich verbale Skizzen, Szenen, Gedanken. Manchmal entsteht daraus ein klares Bild, in welche Richtung ich schreiben möchte. Dann beginne ich mit dem eigentlichen Text auf dem Laptop. Oft sind gleichzeitig mehrere Projekte aktuell, was vielleicht strategisch nicht allzu klug ist, wenn man ohnehin wenig Schreibzeit hat. Aber ich finde das Wechseln zwischen verschiedenen Texten und Textstadien anregend.

Viola Rohner: Gibt es Unterschiede, wenn du für das Theater oder für eine Buchpublikation schreibst?

Wenn ich szenische Texte schreibe, läuft das innere Gespräch mit. Die Dialoge müssen eine Inszenierung möglich machen und ihr viel Raum lassen. Das heisst, ich denke den Text musikalisch wie eine Partitur und stelle mir gleichzeitig Bilder dazu vor, die aber später von der Regie eigenständig interpretiert werden. Bei Prosatexten kann ich die Atmosphären und Schauplätze mit in den Text schreiben.

Viola Rohner: Gibt es Unterschiede, wenn du an Texten für Erwachsene oder für Kinder arbeitest?

Bei allen Texten verspüre ich den Drang, einem Rätsel auf die Spur zu kommen, etwas fassen zu können, meine Figuren einen Umgang damit finden zu lassen. Wenn ich für Kinder schreibe, formuliere ich vielleicht die Dinge mehr aus, während ich bei Texten für Erwachsene mehr mit Assoziationen spiele. Aber egal, für welches Publikum ich schreibe: Ich versuche mich dabei in die Wahrnehmung und Empfindung meiner Figuren zu versetzen und weniger in die des Publikums.

Viola Rohner: Dein Arbeiten ist sehr vielfältig – was interessiert dich an den verschiedenen Genres und an unterschiedlichen Publika?

Ich liebe es einfach, mir unterschiedliche Sichtweisen vorzustellen. Dazu gehört selbstverständlich auch die von Kindern. Ich hatte in meinem Leben viel mit Kindern zu tun und war immer fasziniert von der Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Gedanken und Tätigkeiten angehen. Ich kann mich auch an gewisse Dinge aus meiner eigenen Kindheit erinnern, an wiederkehrendes Befremden, aber auch an die Selbstverständlichkeit, mit dem Gegebenen einen Umgang zu finden.

Bei den Texten für Erwachsene ist es ähnlich: Je mehr ich mich in die Figuren hineinversetze, desto näher bin ich ihnen, desto mehr werden ihre Erfahrungen zu meinen. Das ist das Tolle am Schreiben: dass man auf diese Weise mehr als ein Leben leben kann.

Viola Rohner: Was hältst du von der Empfehlung von Literaturagenturen, sich für ein Genre und für ein Publikum zu entscheiden?

Ich habe zwar eine Agentin, aber sie hat mir keine strategischen Empfehlungen gegeben. Im Gegenteil, sie hatte sofort Verständnis dafür, dass ich beispielsweise die Theatertexte aus dem Agenturvertrag ausschliesse. Sie kann Theatertexte schlicht nicht gleich gut vertreten wie Buchtexte, weil das ein anderer Markt ist. Natürlich fragt sie regelmässig nach, woran ich gerade arbeite und womit sie auf die Verlage zugehen kann, aber sie setzt mich nicht unter Druck.

Viola Rohner: Du hast den Lehrgang Literarisches Schreiben 2010/11 absolviert. Welche Bedeutung hatte der Besuch des Lehrgangs für dich und dein Schreiben?

Das Schreiben als Auseinandersetzung mit Dingen, die mich beschäftigten, gehörte schon länger zu meinem Alltag. Der Lehrgang war für mich so etwas wie ein gestalterischer Vorkurs und der Weg zu einem professionellen Schreiben: ein Einblick in verschiedene Techniken und Genres, gleichzeitg Austausch und Vernetzung. Mein Abschlussprojekt hat dann einen Preis bei einem Kurzdramenfestival gewonnen – das war meine erste Erfahrung, in einer öffentlichen Situation als Autorin wahrgenommen zu werden. Sehr aufregend war das! Und auch eine Bestärkung weiterzuschreiben.

«Lila Perk»

von Eva Roth
152 Seiten
erschienen am 10.8. 2020 bei Jungbrunnen
ISBN: 978-3-7026-5948-6

Bei Buchhandlung Klio kaufen

Viola Rohner: Wenn man deine Schreibbiografie anschaut, fällt auf, dass du lange kaum etwas publiziert hast und dann mit mehreren Werken kurz hintereinander sehr erfolgreich an die Öffentlichkeit getreten bist. Was ist der Grund dafür? Warum hast du deine Texte so lange nicht «gezeigt»? Oder gab es ein Initialereignis, das deine Schaffenskraft so beflügelte, dass du innerhalb von kürzester Zeit all diese Texte schriebst?

2020/21 kamen der Kinderroman und die Theaterstücke heraus, letztere sogar fast gleichzeitig, weil die Premieren wegen Corona mehrmals verschoben wurden. Geschrieben habe ich die Texte jedoch zu unterschiedlichen Zeiten. «Lila Perk» hatte einen Vorlauf von rund zwei Jahren, ich musste ja erst noch einen Verlag finden. «Streuner» entstand im Rahmen des Dramenprozessors 2018/19, und «Falls China kommt» habe ich sogar schon 2014 geschrieben und letztes Jahr nochmals stark überarbeitet.

Viola Rohner: Welchen Rat würdest du angehenden Autorinnen und Autoren geben, die mit ihren Texten an die Öffentlichkeit treten wollen?

Sich mit anderen Schreibenden austauschen, da entstehen manchmal spontan interessante Spielereien und Projekte – und es ist ein geschützter Raum, in dem man Texte zum ersten Mal einem Publikum vorlegen kann.

Sich gut über die Verlage informieren, denen man ein Manuskript schickt. Und sich von einer Absage nicht entmutigen lassen. Vielleicht auch am einen oder anderen Wettbewerb teilnehmen, das gibt ein erstes öffentliches Echo und zum Teil interessante Aufgabenstellungen.

Literaturzeitschriften lesen, sich an deren Ausschreibungen beteiligen. Neben der Möglichkeit, darin erste Texte zu veröffentlichen, können in diesem Umfeld auch tolle Netzwerke entstehen.

 

Viola Rohner

Lehrgang Literarisches Schreiben

Hier finden Sie mehr Informationen: