Lehrgang «Literarisches Schreiben» 

Schreiben ist eine Kunst, aber auch ein Handwerk. Der Lehrgang «Literarisches Schreiben» setzt auf eine schriftstellerische Ausbildung, die beides berücksichtigt. In vier sorgfältig aufgebauten Modulen werden verschiedene literarische Formen und Genres erprobt.

Im Interview mit der Lehrgansleiterin Viola Rohner gibt Ilia Vasella Auskunft über die Entstehung und die Arbeit an ihren ersten Roman «Windstill», der 2021 im Dörlemann Verlag erschien und mit dem sie zu den diesjährigen Solothurner Literaturtagen eingeladen wurde.

«Die Gesellschaft tabuisiert das Sterben»

Ein Interview mit Ilia Vasella, Absolventin des Lehrgangs «Literarisches Schreiben» 2015/16

Ilia Vasella hat mit 60 Jahren ihr erstes Buch veröffentlicht. Der Roman «Windstill» (Dörlemann 2021) erzählt in vibrierenden Bildern und mit einer wunderbar sinnlich-trunkenen Sprache von einer zusammengewürfelten Sommerferiengesellschaft, die durch den jähen Tod einer jungen Frau aus dem Gleichgewicht gerät.

Viola Rohner: «Windstill» ist ein Buch über den Tod und darüber wie unsere aufgeklärte, säkularisierte Gesellschaft mit ihm umgeht. Was war dir wichtig zu zeigen? Und warum hast du genau dieses Setting ausgewählt?

Ich wollte zeigen, dass unsere Gesellschaft im Umgang mit dem Tod verunsichert ist, keine Selbstverständlichkeiten mehr hat, das Sterben tabuisiert. Traditionen greifen nicht mehr, oder nur teilweise, Fragmente von Ritualen, von Konventionen. (Die in erster Linie von der Kirche vorgegeben waren.) Der Umgang mit einer Situation wie in «Windstill» beschrieben, muss heute mehr denn je individuell verarbeitet werden. Die Gesellschaft bietet kaum Gefässe für Trauer und Abschied und schon gar keine für das Leben danach, mit den Verstorbenen.

Ich habe dieses Setting gewählt, um zu zeigen, wie kollektive Verarbeitungsformen gesucht werden, gleichzeitig aber jede*r mit einem solchen Erlebnis allein bleibt.

Die Figuren stehen in sehr unterschiedlicher Distanz und Betroffenheit zum Unglücksfall: vom Partner der Toten bis zu den Feriengästen, die Marie drei Tage zuvor kennengelernt haben. Ich kann so eine weite Spanne an Reaktionen, Versuchen, Bewältigungsformen zeigen.

Dann steht die Umgebung in starkem Kontrast zum Unfalltod von Marie: Ferien, Sommerhitze, ländliche Idylle, Ruhe, Entspannung. Es ist ein plötzlicher und vollkommen unnötiger Tod. Kein langsames Herantasten an den Verlust wie bei einer Krankheit, keine Kausalerklärungen, kein Selbstverschulden wie bei schlechtem Lebenswandel oder Vorerkrankung. Ein Tod, der den Anwesenden auf schonungslose Weise bewusst macht, dass er jederzeit uns selbst, unsere Liebsten treffen kann.

Das Setting hat mir ermöglicht, mich unserem Umgang mit dem Tod auf facettenreiche Weise anzunähern und das Nebeneinander des Unerhörten, schwer Fassbaren unserer Sterblichkeit und dem Kontinuum des alltäglichen Lebens zu zeigen.

Viola Rohner: Anfänge deines Romans sind ja bereits in der sechsmonatigen Projektphase des Lehrgangs Literarisches Schreiben 2015/16 entstanden. Inwiefern hat dir der Besuch des Lehrgangs geholfen, diesen Roman zu schreiben?

Im Modul «Erzählendes Schreiben» bei Ruth Schweikert schrieb ich erste Abschnitte und entwickelte sich das Setting. Die Ausbildung war aber sehr viel mehr als das. Zum ersten Mal habe ich mich mit dem Schreiben eines längeren Textes, mit Techniken und Fragen rund um den Schreibprozess beschäftigt. Weniger neu war für mich der künstlerische Entwicklungsprozess an sich, da ich schon lange im gestalterischen Bereich als Praktizierende, wie als Lehrende tätig bin. Das erzählende Schreiben als grosser formbarer Raum, mit Bedingungen und Wirkungen, mir bewusst zu werden über Mittel wie Zeitformen, Perspektiven, Dramaturgie etc., war hingegen neu für mich.

Viola Rohner: «Windstill» ist sehr komplex gebaut, was sehr unüblich ist für einen ersten Roman. Es gibt eine ungeheure Vielzahl von Figuren, aus deren Perspektive das Geschehen immer wieder neu beleuchtet wird, und der Roman beginnt – statt mit der klassischen Exposition – mit dem, was wir als einen typischen Wendepunkt bezeichnen würden: dem plötzlichen Tod einer Figur. Kannst du etwas zur Bauweise und zur Entstehung sagen?

Ich habe mich – um ehrlich zu sein – nicht mit der klassischen Bauweise einer Erzählung auseinandergesetzt. Die erste Szene war die zweite Szene, die ich schrieb, und es stellte sich während des Prozesses nie die Frage, das Geschehen anders aufzubauen. Es gab phasenweise einige Szenen, die derjeinigen, in welcher Marie stürzt und stirbt und die am Anfang des Romas steht, vorangingen. Schlussendlich war es am konsequentesten, die Szene ganz an an den Anfang zu stellen.

Während des Lehrgangs und lesend wurde mir bewusst, dass Rezepte kaum je in Reinform verarbeitet werden, dass es eine Million Spielarten gibt mit Sprache zu erzählen, zu beschreiben. Mich interessiert es mit Regelbrüchen zu experimentieren. Meine Neugier gilt den Rezepten genauso wie ihrer Hinterfragung.

Es hat mich von Anfang gereizt die Grenzen der Komplexität auszuloten, die Verschachtelung von Gegenwart, Erinnerung und Perspektiven. Möglichst ohne ein Publikum zu verlieren! Im Vergleich zu meinen wagen formalen Vorstellungen zu Beginn des Prozesses ist «Windstill» eher konventionell geraten.

Die komplexe Bauweise des Textes entspricht vielleicht auch mehr dem, wie wir denken, was sich in uns abspielt: unendlich viele Bezüge, Fragmente, Überschneidungen, Brüche, Wiederholungen. Unser Denken ist nicht linear. Und es liegt mir viel daran Vereinfachung zu vermeiden.

Dann spielt vielleicht auch mein Alter und die damit verbundene Lebenserfahrung eine Rolle. Ich hätte diesen Text jedenfalls mit 30, mit 40 nicht schreiben können.

Viola Rohner: Mittels kurzer Vorwegnahmen führst du uns in die Zukunft deiner Figuren, aber niemals in ihre Vergangenheit. Warum machst du diese Vorwegnahmen und warum lässt du die Vergangenheit konsequent weg – selbst die Vergangenheit des alten Schlosses in Frankreich, in dem sich die Feriengesellschaft trifft?

Das sehe ich nicht ganz so. Die Vorwegnahmen sind ja der Ort, von wo aus die Geschichte eigentlich erzählt wird. Es gibt ein Ich, welches Nachwirkunken beschreibt, eigene, die von anderen. So ist die Haupterzählung, die ca. 24 Stunden nach Maries Unfall, eigentlich erinnert. Es gibt da und dort Rückblenden in die Vergangenheit, hauptsächlich bei Marie und Franz, um ihre Beziehung zeigen zu können. Das Haus und der Garten assoziieren aus meiner Sicht schon ausreichend eine impressionistische Malerei (Zitat aus einer Rezension), ich denke seine Geschichte hätte diese Richtung ungünstig verstärkt und der Erzählung nichts Relevantes beigefügt.

Ich hätte den einzelnen Figuren natürlich viel mehr Geschichte, eine Vergangenheit geben können, das wäre eine Entscheidung für einen umfangreichereren Roman gewesen. Jetzt ist es ja im Grunde eine Novelle. Ich blieb bei dieser knapperen Version.

Viola Rohner: In deinem Erstberuf bist du visuelle Gestalterin. Ich finde, man spürt deinen Bezug zur bildenden Kunst auch in deinem Schreiben. Einerseits ist «Windstill» eine Momentaufnahme – Zeit spielt also als wichtiger Erzählfaktor kaum eine Rolle – und andererseits wird der minutiösen Beschreibung von Details fast alles überlassen. Manchmal hat man das Gefühl, keinen Roman zu lesen, sondern ein Bild zu betrachten. In welcher Beziehung stehen für dich bildende Kunst und Literatur?

Beides begleitet mich seit jeher. Als Grafikerin ist das Verhältnis von Bild und Text ja Alltag und eine geglückte Verbindung – zum Beispiel auf einem Plakat – ausschlaggebend für ein treffendes Ergebnis. Diesem Verhältnis gehe ich auch unterrichtend auf die Spur. Was kann das Bild, was der Text?

Bilder umgeben mich, Bilder stelle ich her, über Bilder diskutiere ich, sie sind selbstverständlich, lebensnotwendig und Alltag für mich. Wie dies nun mein Schreiben geprägt hat, ist auch für mich eine Entdeckung.

Beim Schreiben von «Windstill» habe ich realisiert, dass das Beschreiben von Stimmungen – Gerüche, Licht, Farben – im Prozess am Anfang steht, erst auf dieser Basis entwickeln sich Charaktere, Gespräche, Handlungen.

Viola Rohner: Du hast mit 60 Jahren deinen ersten Roman veröffentlicht. Warum hat es so lange gedauert, bis du publiziert hast?

Sprache spielte in meinem Leben immer eine wichtige und gegenwärtige Rolle, sowohl lesend als schreibend, in den unterschiedlichsten Formen und Zusammenhängen. Warum jetzt und nicht früher oder gar nie, ein Roman, gehört wohl zu den unerklärlichen Wendungen im Leben. Es waren andere Dinge im Vordergrund, und mich interessiert so vieles. Ich konnte mir immer auch noch andere Berufe und Lebenswege vorstellen. Diesen Roman geschrieben zu haben, fühlt sich aber gerade sehr richtig an.

Viola Rohner: Welchen Rat würdest du angehenden Autorinnen und Autoren geben, die den Wunsch haben ein erstes Buch zu veröffentlichen?

Bei sich selber bleiben. Einen guten Mix finden zwischen Austausch, Auseinandersetzung über den Text und auf die eigene Stimme hören. Das produktiv zu meistern, scheint mir eine Grundlage jedes gestalterischen Prozesses.

Ilia Vasella

(*1961) ist Autorin, Grafikerin, Musikerin und Vermittlerin. Seit 2007 leitet sie den Studiengang Visuelle Gestaltung an der F+F. Sie lebt in Zürich und Frankreich.

www.iliavasella.ch

«Windstill»

von Ilia Vasella
130 Seiten
erschienen am 31.3. 2021 bei Dörlemann
ISBN: 978-3-03820-087-1

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Viola Rohner

Viola Rohner

(*1962) studierte Germanistik und Geschichte. Sie ist Leiterin des Lehrgangs «Literarisches Schreiben» an der Volkshochschule Zürich und arbeitet als Gymnasiallehrerin an der Kantonsschule Baden. Sie schreibt Prosa und Theaterstücke für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Zuletzt erschienen: 42 Grad, Erzählungen, Lenos Verlag Basel 2018. www.violarohner.ch