Meta-Odysseen

Bücher gibt es, in denen bricht sich die Existenz wie in einem Prisma. Oder wenigstens das, was in einem Menschenleben an Gewissheit Platz hat. Und vom Prisma aufgefächert wird so, dass mehr Zweifel als Gewissheit zurückbleibt.

Ein solches Buch war für mich «Ulysses» (1922) von James Joyce, 1000 Seiten – das einzige Buch in meinem Leben, das ich zwei Mal gelesen habe. Es spielt an einem einzigen Tag, dem 16. Juni 1904, in Dublin. Geblieben ist mir vor allem Leopold Bloom, der Aussenseiter, in dessen Kopf die Welt explodiert in eine Vielfalt von Sprachen, Bildern, Metaphern.

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Und jetzt kommt diese neue «Odyssee», zu der Joyce ein wunderbares Sprungbrett darstellt. «Eine Odyssee» von Daniel Mendelsohn, amerikanischer Autor jüdischer Abstammung, Chefredaktor der «New York Times Review of Books».
Das Buch, 2017 im Original, 2019 auf deutsch erschienen, trägt den Untertitel «Mein Vater, ein Epos und ich» (im Original allerdings knuspriger als «A Father, a Son and an Epic» geschrieben.

Es setzt damit ein, dass der schweigsame, 81-jährige pensionierte Mathematiker Jay Mendelsohn beschliesst, ins universitäre Seminar seines Sohnes Daniel über die «Odyssee» zu sitzen. Da sitzt er nun, etwas abseits, grantig und grummelig, ein wenig Leopold Bloom aus «Ulysses», während sein Sohn versucht, 15 junge Erwachsene für den griechischen Klassiker zu begeistern. Die wenigen Interventionen des Alten gleichen in den Augen seines Sohnes Katastrophen, doch die Studenten sind begeistert. Philosophie und literarische Theorie reiben sich an Lebensweisheit. Vor allem aber reiben sich die Generationen aneinander, genauso, wie sie es in der «Odyssee» auch tun.

Was heisst Vater sein, was Sohn? Je länger das Semester dauert, umso mehr erweist sich die Odyssee als Meisterwerk, das die existentiellen Fragen vorausformuliert und die Geschichte von Annäherung, Prüfung, Wahrhaftigkeit und Eltern- wie Sohnesliebe längst niedergeschrieben hat. «Eine Odyssee» verwebt so auf witzige und unterhaltsame Weise zwei Texte: Homers Epos und die Familiengeschichte der Mendelsohn, die auch nicht ohne ist.

Das Ergebnis ist eine Kreuzfahrt auf den Spuren von Odysseus, die Vater und Sohn gemeinsam absolvieren, nicht ohne weitere Überraschung.

  • «An Odyssey. A Father, a Son and an Epic»

    Daniel Mendelsohn, New York 2017,
    eBook ISBN 9783827500632

Pius Knüsel, Direktor VHS Zürich