Proberaum Wohnzimmer

Singen tut gut, ein Tagesrhythmus tut gut. Chorgesang in Isolation ist eine Herausforderung, doch Julia Schiwowa und VHS-Dozentin Barbara Böhi bringen jeden Morgen hunderte ChorsängerInnen zum gemeinsam Online Einsingen zusammen.

Guten Morgen aus Ipsach, Grüezi us Bauma, Bonjour à tous, Sali zämä us Basel. Sogar ein Moin vom Wattenmeer!

Es ist etwas vor neun Uhr am Morgen, der Live-Chat des Youtube-Kanals «Stimmtuul» füllt sich langsam. Sängerinnen und Sänger aus der ganzen Schweiz machen sich bereit für etwas, das sich in den letzten paar Wochen für viele zum Fixpunkt im Quarantänealltag entwickelt hat: Live Einsingen mit Barbara Böhi und Julia Schiwowa.

Laut den Organisatorinnen zählt die Schweiz ungefähr eine halbe Million ChorsängerInnen, die jetzt alle ihre oft wöchentlichen Proben vermissen. Die Proben fehlen doppelt: Abgesehen von den gesundheitlichen Vorteilen, die Singen mit sich mitbringt, entfällt jetzt auch der nicht zu unterschätzende soziale Aspekt dieser regelmässigen Treffen. Darum bieten die professionellen Sängerinnen und Gesangspädagoginnen Böhi und Schiwowa seit Montag 23. März 2020 täglich ein Einsingen für ChorsängerInnen per Live-Stream auf Youtube an. Wie Barbara Böhi im ersten Video erklärt: «Singen tut gut, ein Tagesrhythmus tut gut. Zudem ist Singen wie Sport: man muss in Form bleiben». Der Youtube Live-Chat fungiert derweil als Kaffee-Ecke des digitalen Proberaums: Teilnehmer können Fragen stellen und sich unterhalten. Das Konzept hat Erfolg: täglich schalten bis zu zweitausend Leute am Morgen den Computer ein. Die Videos, die nachher auf dem Youtube-Kanal gesammelt werden, erhalten im Laufe der Wochen nochmals tausende Views.

Jeden Morgen Einsingen um 9.00 Uhr

Auch ich gehöre zur probenlosen Sängerschar. Frisch aus der Dusche stelle ich um 8.45 Uhr meinen Laptop auf den Tisch und platziere mich selbst mitten im Wohnzimmer. Zum Singen braucht man ja Platz: nicht nur die Stimme, sondern der ganze Körper macht mit. Vom Live-Chat aus strömen die «Grüezi» aus der ganzen Schweiz in meine Zürcher Stube. Pünktlich um 9.00 Uhr erscheint Barbara Böhi im Bild. «Einen wunderschönen guten Morgen und herzlich Willkommen beim Einsingen um neun».  Das Thema der Woche ist Frühlingsputz: nicht nur die Wohnung sollte geputzt werden (dafür hatten wir mittlerweile schon genug Zeit), auch die Stimme verdient eine Erfrischung. Gleich geht es los. Ich strecke und gähne, schüttle Arme und Beine, drehe Achtel mit Hüfte und Kiefer. Mein Freund schaut vom Sofa aus amüsiert zu. Für mich live Einsingen, für ihn live Slapstick. Dann kommt die Stimme dran. Dem Thema entsprechend werden die Stimmbänder mit einem überzeugten «Wisch wusch, blink blonk» aufgewärmt. Ich hoffe, das Nachbarsbaby ist schon wach, sonst wird sie es jetzt. Die Übungen sind abwechslungsreich, man findet in Barbara Böhi eine erfahrene Gesangslehrerin. Eine halbe Stunde ist schnell vorbei, das Einsingen wird abgeschlossen mit zwei Kanons. Obwohl ich meine Chorgespändli immer noch vermisse, ist es ein schöner Gedanke, dass jetzt in hunderten, vielleicht sogar tausenden Schweizer Wohnzimmern im Duett mit Böhi der schöne helle Morgen besungen wird.

Am 12.11.2020 doziert Barbara Böhi den Kurs «Singe, wem Gesang gegeben!» an der Volkshochschule Zürich.

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– Jonne van Galen, Ressortleiterin Kunst und Musik