Kurze Stücke

Szenisches Schreiben  –
Lehrgang «Literarisches Schreiben»

Schreiben ist eine Kunst, aber auch ein Handwerk. Der Lehrgang «Literarisches Schreiben» setzt auf eine schriftstellerische Ausbildung, die beides berücksichtigt. In vier sorgfältig aufgebauten Modulen werden verschiedene literarische Formen und Genres erprobt. Eines der Module widmet sich ganz dem Szenischen Schreiben. Einen Einblick geben eine Auswahl der kurzen Stücke, die während vier Samstagen im aktuellen Lehrgang unter der Leitung von Viola Rohner entstanden sind.

In einem längeren Prozess ging es darum, drei eigene Figuren zu finden, sie zu vertiefen und sie in einer möglichst konfliktreiche Grundsituation agieren zu lassen. Entstanden sind 14 aufrührende kurze Stücke. Am 28. März wären sie von jungen Schauspielstudierenden der ZHdK in einer szenischen Lesung präsentiert worden. Wegen Corona musste der Anlass verschoben werden. Einige der Stücke sind aber nun hier zu lesen.

DREHWIND

von Abraham Gillis

Investor Berger plant einen grossangelegten Windpark. Er bietet Robert, einem Freund aus Jugendtagen, 6 Millionen Franken für sein Haus und sein Land. Roberts erwachsene Söhne, Kurt und Luis, drängen den Vater zum Verkauf. Aber Robert bleibt stur – bis der Wind dreht.

Computer generated 3D illustration with wind turbines at sunset

Szene I – Windenergie

Wohnzimmer in Roberts Haus. Luis ist zu Besuch.

Robert: (Imitiert Berger) Wie sie sehen, kann die Windenergie künftig auch in ihrem Dorf einen wesentlichen Beitrag zur Versorgung mit sauberem Strom leisten. Das ich nicht lache.

Luis: –

Robert: (Imitiert Berger) Wir nehmen die Anliegen aus dem Dorf sehr ernst. (lacht)
Dieser scheiss Berger und seine scheiss Investoren.

Luis: Warum regst du dich so auf?

Robert: Das halbe Dorf wäre im Schatten. Und dazu noch unregelmässig: Flap, Flap.

Hell. Dunkel.

Luis: Du übertreibst.

Robert: Und das verdammte Rauschen. Das wird alle wahnsinnig machen.

Luis: Dafür haben wir saubere Energie.

Robert: Hauptsache ihr in der Stadt habt saubere Energie und ein reines Gewissen. Und wir auf dem Land tragen die Konsequenzen. Die sind dir egal, was?

Luis: –

Robert: Und die geschredderten Vögel auf unseren Feldern?

Luis: Wir werden nicht um die erneuerbaren Energien herumkommen. Die Zukunft ist grün.

Robert: Die Rotoren sollten lieber in Rot designt werden. Lacht. Alles voll Vogelblut. Verstehst du? (Lacht)

(…)

Möchten Sie das ganze Stück lesen?

Abraham Gillis

 *1973, arbeitet und lebt mit seiner Familie in Winterthur.

 

Viola Rohner

Viola Rohner

(*1962) studierte Germanistik und Geschichte. Sie ist Leiterin des Lehrgangs «Literarisches Schreiben» an der Volkshochschule Zürich und arbeitet als Gymnasiallehrerin an der Kantonsschule Baden. Sie schreibt Prosa und Theaterstücke für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Zuletzt erschienen: 42 Grad, Erzählungen, Lenos Verlag Basel 2018. www.violarohner.ch