Kurze Stücke

Szenisches Schreiben  –
Lehrgang «Literarisches Schreiben»

Schreiben ist eine Kunst, aber auch ein Handwerk. Der Lehrgang «Literarisches Schreiben» setzt auf eine schriftstellerische Ausbildung, die beides berücksichtigt. In vier sorgfältig aufgebauten Modulen werden verschiedene literarische Formen und Genres erprobt. Eines der Module widmet sich ganz dem Szenischen Schreiben. Einen Einblick geben eine Auswahl der kurzen Stücke, die während vier Samstagen im aktuellen Lehrgang unter der Leitung von Viola Rohner entstanden sind.

In einem längeren Prozess ging es darum, drei eigene Figuren zu finden, sie zu vertiefen und sie in einer möglichst konfliktreiche Grundsituation agieren zu lassen. Entstanden sind 14 aufrührende kurze Stücke. Am 28. März wären sie von jungen Schauspielstudierenden der ZHdK in einer szenischen Lesung präsentiert worden. Wegen Corona musste der Anlass verschoben werden. Einige der Stücke sind aber nun hier zu lesen.

ANDERS ABER WIE

von Anina Büchenbacher

Andreas, ein junger Aktivist und Systemkritiker, kehrt nach Jahren im Ausland in seine Heimatstadt zurück.  Er arbeitet bei der Müllabfuhr. Sue und Anja, seine Geliebten, die mit ihm einst «Sachen» machten, spüren den verschollen Geglaubten in seiner Wohnung auf.

Besuch III

Andreas:

Es ist nicht gut gelaufen mit uns.
Aber es wird schon wieder.
Wir sind nicht so wichtig.
Verstehst du?
Komplett nebensächlich.
Für mich ist es nur eine Episode.
Für viele ist es das Leben.
So ein kleines wichtiges Leben.
Jeden Morgen um fünf aufstehen.
Kaffee trinken und Gratis-Zeitung lesen.
Mit den anderen um einen Tisch sitzen unter so einer Neonröhre.
Der Abteilungsleiter ist erkältet.
Er trägt deshalb einen Schal und sieht zu edel aus in dem Setting.
Alle tragen ja Uniform, orange.
Ausser er.
Und der Typ mit der tätowierten Glatze natürlich.
Der hat noch was getan, um auf seine Individualität hinzuweisen.
Und dann marschieren sie los.
In der Dunkelheit, in den Morgen hinein.
Mit dem Besen, der Zange, der Maschine und dem grossen Wagen.
Fegen die immer gleichen Strassen.
Sammeln die Säcke ein.
Hey, und die sind gar nicht leicht. So viele an einem Tag.
Mit klammen Fingern, aber durchweg stolz.
Um neun Uhr dreissig Pause.
Einer brät sich eine Wurst.
Ich fühl mich wohl da.
Verstehst du?
Keiner will was von mir.
Keiner erwartet was.
Nur dass ich diese stumme Arbeit verrichte.

Anja:

Andreas:

Der Einzige, der mein Gleichgewicht stört,
ist der Teamchef.
Der weiss dass ich nicht blöd bin,
und das bedroht ihn akut.
Diese kleinen schmierigen Abhängigkeiten.
Schon witzig.
Jeder hat ein bisschen was vor im Leben.
Den Brocken Macht, den du kriegen kannst, nimm ihn bitte schön.

(…)

Möchten Sie das ganze Stück lesen?

Anina Büchenbacher

*1988, arbeitet und lebt im Raum Basel. Sie hat Physical theatre an der Folkwang Hochschule der Künste in Essen studiert und vorher eine Weile in Südamerika verbracht. Sie verfasst hauptsächlich Bühnentexte. Im Lehrgang ‚Literarisches Schreiben‘ findet sie den Austausch zu anderen Schreibenden und einen positiven  Zwang von aussen, Texte zu produzieren, Texte zu vertiefen und eine Schreibpraxis zu erarbeiten. Ihr aktuelles Jugendstück «SCHLUMMERLAND» wird 2021 vom momoll theater uraufgeführt werden.

 

Viola Rohner

Viola Rohner

(*1962) studierte Germanistik und Geschichte. Sie ist Leiterin des Lehrgangs «Literarisches Schreiben» an der Volkshochschule Zürich und arbeitet als Gymnasiallehrerin an der Kantonsschule Baden. Sie schreibt Prosa und Theaterstücke für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Zuletzt erschienen: 42 Grad, Erzählungen, Lenos Verlag Basel 2018. www.violarohner.ch