Wo steht die Philosophie heute? Und was sagt sie zur Corona-Krise?

Die Philosophie hat ein vielschichtiges Verhältnis zu ihrer Geschichte. Nicht nur Naturwissenschaftler*innen reagieren verblüfft, um nicht zu sagen indigniert, dass Philosoph*innen noch immer Texte studieren, die geschrieben wurden, als man die Erde für eine Scheibe im Zentrum der Himmelssphären hielt. Wozu soll das gut sein? Würde man heute noch immer allein mit der Gravitationslehre Newtons rechnen, funktionierten keine Smartphones, mit der Naturphilosophie eines Platon hätten wir wohl nicht einmal Festnetz. Kennt denn die Philosophie gar keinen Fortschritt?

Ein Weg, auf dem man dieser Frage nachgehen kann, führt in die philosophischen Diskussionen unserer Gegenwart. Worüber spricht man da? Wenn es so ist, dass die Philosophie im Lauf der Zeit Neues entwickelt, dann müsste sie heute doch neue Antworten auf neue Fragen finden. Und um wie viel mehr noch müsste das jetzt der Fall sein, wo eine Virus-Pandemie erschreckend wenig Steine aufeinander lässt! Ist in dieser Krise nicht auch die Philosophie auf eine Bewährungsprobe gestellt, sich zeitgemäss zur Gegenwart zu verhalten und in ihr sich zur Geltung zu bringen?

Nun herrscht durchaus keine philosophische Sprachlosigkeit in den Feuilletons, in Internetforen und anderen reaktionsschnellen Medien. Im weltweiten Netz tummelt sich eine stattliche, laufend wachsende Zahl mehr oder minder sternstündlicher Beiträge namhafter und weniger bekannter Autor*innen; selbst der «Blick» hat am 1. April nach der Aktualität Hegels in Zeiten von Corona gefragt.

Solche Beiträge unter die Lupe zu nehmen, bietet folglich Aussicht auf Hilfestellung beim Verstehen dessen, was mit und um uns derzeit geschieht. Als Beispiele für tagesaktuelles Philosophieren in einer Krisenlage müsste sich an ihnen auch besonders griffig ablesen lassen, was für Fragen die gegenwärtige Philosophie auszeichnen und mit welchen begrifflichen Mitteln sie sie zu beantworten versucht. Und ausserdem: Welche Funktion oder Aufgabe damit der Philosophie zugeschrieben wird und wie die jeweilige Autor*in zugleich mit dem eigenen Text dieser Aufgabe gerecht werden will. Verknüpft man zudem diese Beiträge mit den Strängen der Geschichte der Philosophie, müsste sich dann nicht auch in exemplarischer Weise zeigen, inwiefern sie in der Lage ist, mit Neuem auf neue Situationen zu reagieren?

Die Reihe «Wo steht die Philosophie heute?» nimmt viele dieser Fragen auf. Wir werden aktuelle Publikationen zur Corona-Krise diskutieren und in ihre philosophiegeschichtlichen Zusammenhänge setzen. Vorschläge sind jederzeit willkommen.

Dr. Martin Götz

Martin Götz bei VHS

Dr. phil. Martin Götz

wurde in Basel über Hölderlin promoviert, lebt in Bern, arbeitet hauptberuflich in der Bundesverwaltung und unterrichtet seit einigen Jahren Philosophie an der VHS Zürich, u.a. die Module zur Philosophiegeschichte im Rahmen des Lehrgangs, sowie Lektürekurse und Philosophiesamstage. Als Adept der Spaziergangswissenschaft hat er die Reihe «Vor Ort: Philosophie der Orte und Räume» initiiert.