«Zürichs Nachbarn im Mittelalter», Teil 2

«Nüwe herberg»: Vom Zügeln

Im mittelalterlichen Zürich waren Umzüge nicht selten. Meist zog man in der eigenen «Wacht» um, also in der unmittelbaren Nachbarschaft. Verbundenheit spielte dabei eine grosse Rolle. Am häufigsten zügelten alleinstehende Frauen. Besonders die Lage von Witwen war prekär. Ihre finanzielle Lage verschlechterte sich mit dem Tod des Mannes, denn das Vermögen ging ja an die Söhne. Testamente legten zwar in der Regel fest, dass die Mutter im Haus der Familie bleiben konnte. War das Zusammenleben aber nicht friedlich, war es die Mutter, die auszog. Sehr häufig gingen auch sonstige Zivilstandsänderungen mit einem Umzug einher. Nach der Heirat war es nicht ungewöhnlich, dass die Jungvermählten im Elternhaus wohnten. Zogen sie zu den Eltern der Braut, hiess das, dass der Mann eine vermögende oder höhergestellte Frau geheiratet hatte.

Umzüge waren einfach, viel besass man ja nicht. Zog man um, brachte man in der Regel alles selber mit. Das umfasste nicht nur Kleidung, Werkzeug oder Möbel – das käme uns nicht ungewöhnlich vor. Eher seltsam scheint uns heute der Fall vom Bäcker Andres Helman, der eine Holztreppe für seine neue Mietwohnung mitbrachte. Da Mieter im 15. Jahrhundert für Unterhaltsarbeiten selber aufkommen mussten, war dies sinnvoll. Die Treppe diente dem neuen Mieter wohl als eigener Hauszugang. Der Vermieter klagte bei Helmans späteren Wegzug: Er wollte die gäbige Treppe behalten. Das Gericht gab aber dem Mieter recht und der zog mit seiner Treppe weiter.

Für Neuzuzüger war es damals wichtig, sich in die Nachbarschaft gleich einzupassen. Es wurde erwartet, dass der Neuankömmling sich anständig vorstellte und zu einem Trunk einlud. Die Alteingesessenen wünschten dann: «Got helf dir, Got geb dir glük jn die nüwe herberg.» Wurden die Gepflogenheiten der Umgebung nicht mittragen, wurde den Neuen das Leben erschwert. Das galt vor allem für jene, die nicht das Stadtbürgerrecht hatten. So konnte jemand beleidigt werden mit dem Anwurf, er sei ja nur ein Zugezogener. Diese Ausländerfeindlichkeit war im Mittelalter weit verbreitet! Als Ausländer galt damals jemand, der Bürger von Höngg oder Horgen war…

Dreckiges und Sauberes

Man wohnte eng aufeinander: Familien mit ihren Kindern, vielleicht ihrem Gesinde. Es gab Mieter und Untermieter. Das Wohnen war verschachtelt, überall wurde angebaut. Denn der Raumbedarf der Stadt wuchs ständig, die Räume aber waren ausgereizt. Das hiess, dass vermehrt aufgestockt, Erker oder andere Vorbauten angebaut wurden. Das rief nicht selten Widerspruch der Nachbarn hervor: Besonders beklagt wurde jeweils, dass ein bauliches Vorhaben den Lichteinfall in die Gasse beeinträchtigte. Die Bauvorschriften – und die Klagen wegen nachbarschaftlichen Bauten – waren ähnlich ausführlich (und kompliziert) wie heute.

Privatheit allerdings kannte man damals nicht. Die eigenen vier Wände waren kein so abgeschotteter Raum wie heute. Für vieles, was heute drinnen und privat stattfindet, musste man im Mittelalter unter die Leute. Das begann beim Abtritt und ging weiter bis zum Wasserholen.

Unsere Vorfahren produzierten sehr wenig Abfall, man verwertete alles wieder. Das Wenige, das übrigblieb, musste aber dennoch entsorgt werden. Es gab strenge Vorschriften deswegen, man konnte Kehricht nicht einfach auf die Strasse werfen, in den See, den Stadtgraben oder in den Wolfsbach.

Der Wolfbach durchquerte früher die Altstadt und mündete in die Limmat. (Hier der Bach zwischen Bergstrasse und Ebelstrasse)

Das war seit 1417 offiziell verboten. Es wurden Deponien ausserhalb der Stadt angelegt und seit 1494 kam allsamstäglich ein Stadtkarrer (Müllmann) vorbei, der den Abfall mitnahm.

Wollte man auf dem Laufenden sein, waren die öffentlichen Brunnen gute Orte dafür. Wasser musste man ja ständig holen und so blieb man immer informiert.

Johann Martin Usteri: Eine Schweizerin und eine Österreicherin am Brunnen. Kolorierte Aquatinta um 1820.


Bei der Wasserkirche Zürich

Es gab genaue Vorschriften, wer wo Wasser holen durfte, ebenso war klares Wasser wichtig, so dass streng geregelt war, wie Brunnen saubergehalten werden mussten. Offenbar wurde auch erwartet, dass die Wasserholer eine manierliche Schlange bildeten und der Reihe nach ihre Kessel füllten. Als sich 1480 ein Schneiderknecht am Brunnen der Wasserkirche vordrängte, löste dies eine Schlägerei aus.

Wir treffen uns vor Gericht!

Vieles, was wir vom Zusammenleben im Mittelalter wissen, stammt aus Gerichtsprozessen. Unsere Vorfahren waren vermutlich nicht raufsüchtiger als wir, aber Gerichtsakten wurden sorgfältiger aufbewahrt, als private Aufzeichnungen. So kann schon einmal der Eindruck entstehen, die Zürcherinnen und Zürcher seien ein zänkisches Volk gewesen.

Das Gerichtsgebäude in Zürich

Zäune und Grenzen wurden häufig als Streitgrund angegeben. Dabei waren Grenzverläufe der häufigste Anlass für Auseinandersetzungen. Grenzmarkierungen spielten eine wichtige Rolle: Sie waren die einzige Möglichkeit, ein Landeigentum festzulegen; Pläne gab es noch nicht. Grenzsteine zu versetzen war nicht unüblich, wenn auch illegal. Aber so konnte man das eigene Land vergrössern.
Jeder war im mittelalterlichen Zürich dafür verantwortlich, seine Zäune in gutem Zustand zu halten. Darüber wachte die Nachbarschaft. Waren sie löchrig, konnten Schweine oder Hühner in den Nachbarsgarten wandern und die Saat zerstören. 1471 traf der Metzger Hans Riem seine Nachbarin und warf ihr vor, ihren Zaun nicht in Ordnung zu halten. Ihre Entschuldigung brachte Riem dermassen in Rage, dass er ein Brett aus besagtem Zaun riss, und es ihr über den Kopf schlug.

Etwas subtiler ging das Ehepaar Luft 1489 vor. Dessen Nachbar Ulrich Studer wischte vor seinem Haus seinen Abfall zusammen, dabei wurde er zweimal vom Ehepaar aus dem oberen Stock mit Wasser und Fäkalien beschüttet. Studer sagte später vor Gericht: Als braver Bürger habe er keine böse Absicht unterstellt, geschwiegen und so den Frieden gewahrt. Beim dritten Mal habe er aber dann mit Beschimpfungen reagiert, was Beleidigungen der Gegenseite auslöste. Konrad Luft versicherte vor Gericht, er habe lediglich Wasser auf sein Vordach geleert und sei sich nicht bewusst gewesen, dass jemand darunter stand. Vor Gericht erschienen vier Zeugen, die eher Studers Version stützten – er selbst hatte sie aufgerufen. Luft war ohne Zeugen erschienen, was seinen Fall nicht gestärkt haben dürfte. Leider ist das Urteil nicht überliefert, so dass wir nicht wissen, wer Recht bekommen hat.

Von guten und bösen Nachbarn

Nachbarschaft als Beziehungsform im spätmittelalterlichen Zürich
von Pascale Sutter, Chronos Verlag
ISBN  978-3-0340-0557-9


«Zürichs Nachbarn im Mittelalter»

Teil 1: Die gute Nachbarschaft hat Tradition

 

Nicole Billeter bei VHS

Nicole Billeter

Nicole Billeter ist freischaffende Historikerin – ihr Hauptinteresse liegt immer auf der Alltagsgeschichte. Sie interessiert sich stets für Dinge des Alltags, die unsere Vorfahr*innen prägten. Sie schreibt Romane und Sachbücher, gestaltet Museen mit (Anna Göldi Museum), hält Vorträge und macht Führungen. www.historisch.ch