«Zürichs Nachbarn im Mittelalter»

Nachbarschaft neu entdeckt und mitgestaltet

Es scheint, als würde «Nachbarschaft» gegenwärtig neu entdeckt. Gerade hört und liest man, dass sich die Menschen im momentanen Lockdown ihrer Nachbarschaft erinnern und sie positiv mitgestalten. So erkundigt man sich tatsächlich ernsthaft nach dem Befinden des Gegenübers (das natürlich brav zwei Meter weit weg steht). Man fragt ältere Nachbarinnen, die man vorher vielleicht wohl freundlich grüsste, aber deren Namen man nicht kannte, ob man für sie einkaufen gehen könne. Oder man lernt in einem grösseren Mietshaus erstmals alle Mitmieterinnen und -mieter kennen, tauscht Telefonnummern aus und bietet spontane Hilfe an. Es kann auch vorkommen, dass ein paar Musiker eines Quartiers einmal wöchentlich zu einem abgemachten Zeitpunkt auf ihre Balkone treten und ihre Nachbarschaft mit einem Kleinkonzert erfreuen.

Nachbaren um 1948

Vielleicht erinnern wir uns mit diesen nahen Taten an alte Zeiten – man ist gar versucht zu sagen: an gute alte Zeiten. In einer Krise wird die Welt eben enger; das Unmittelbare, das Nahe gewinnt an Bedeutung.
Das mittelalterliche Zürich war ausserordentlich eng. In der damaligen Stadt bestand die Welt tatsächlich zuvorderst lediglich aus der eigenen Nachbarschaft. Diese prägte Alltag, Umgang, Gebräuche – kurz: das ganze Leben unserer Vorfahren. So berichte ich gerne in den nächsten vier Blogbeiträgen aus der kleinen Welt des mittelalterlichen Zürichs. Und den nachbarschaftlichen Verhältnisse, die es prägten. Wir begegnen gemütlichem Beisammensitzen, aber auch Vorschriften, Gehässigkeiten und Streitereien wegen Gartenzäunen … manche Dinge ändern sich offenbar nie.

«Nachburschafft» im mittelalterlichen Zürich

Zürich umfasste jene Orte, die heute ungefähr den Kreis 1 ausmachen. Etwa 4500 Personen wohnten in dieser als mittelgross geltenden Stadt. Sie bestand aus der «Minderen Stadt» am linken Limmatufer und der «Mehreren Stadt» am rechten Ufer; diese wiederum waren in insgesamt sechs «Wachten» eingeteilt. Diese Wacht war die eigentliche Heimat der Einwohner. Als «nachpur» bezeichneten die Zürcher Personen, die an derselben Gasse wohnten, im Umkreis von etwa fünf Häusern. Mit diesen musste man sich verstehen, denn die Wohnverhältnisse waren eng und man war auf einander angewiesen, teilte den Alltagsfreuden und -nöte. Da alle in der Stadt wohnten und arbeiteten, begegnete man seinen Nachbarn oft mehrmals am Tag: Man traf sich am Brunnen, in der Kirche, beim Einkaufen, in den Trinkstube – und man hörte allerlei durch die dünnen Wände, sah und roch einiges in den engen Ecken und Wegen.

Auch Geselligkeit fand in der Nachbarschaft statt:  Man traf sich jeweils an Abenden «uff der gassen» vor den Häusern; einzelne Männer brachten vielleicht ihr Hackbrett mit und spielten auf. Frauen setzten sich auf Bänke vor ihre Häuser und unterhielten sich mit ihren Nachbarinnen, die wiederum auf dem Bänklein ihres jeweiligen Hauses sassen. Dabei strickten, stickten oder spannen sie. Sicherlich spielten die Kinder zwischen ihnen. So klang der Abend gesellig aus, man trank Wein zusammen, verköstigte gemeinsam Leckerbissen und besprach das Neueste und Wichtigste. Es ging also vertraut zu und her. In der Nachbarschaft duzte man sich in der Regel. Auch damals war es so, dass diese Anrede eine nahe Bekanntschaft implizierte, sicherlich einen in etwa gleichen Gesellschaftsrang. Stand jemand höher im Ansehen, wurde die Person geihrzt; dies galt ebenfalls für Personen, die einem unbekannt waren. Gab es jedoch Streit, wechselte man auch gegenüber Hochgestellten zum Du; Beschimpfungen glitten so wohl besser von der Zunge…

 

Nicole Billeter bei VHS

Nicole Billeter

Nicole Billeter ist freischaffende Historikerin – ihr Hauptinteresse liegt immer auf der Alltagsgeschichte. Sie interessiert sich stets für Dinge des Alltags, die unsere Vorfahr*innen prägten. Sie schreibt Romane und Sachbücher, gestaltet Museen mit (Anna Göldi Museum), hält Vorträge und macht Führungen. www.historisch.ch